Gegen das Vergessen – Zwei Zeitzeugen berichten

Zwei Zeitzeugen berichten

Die meisten Artikel und Bücher Gegen das Vergessen und über den zweiten Weltkrieg handeln vor allem von ehemaligen KZ-Insassen, deportierten Menschen, Juden, Kommunisten, etc. Oder von Menschen, die sich verstecken mussten, oder auswandern, weil sie sonst im KZ gelandet wären. Doch was ist mit den Deutschen, die keine Nazis waren, und keine Kommunisten, Juden, Andersgläubige, Homosexuelle, geistig Behinderte, psychisch Kranke, etc., sondern „ganz normale“ Menschen? Ich habe das Glück zwei bewundernswerte Menschen zu kennen, die zu diesen „ganz normalen“ Menschen gehören. Und ich hatte die Ehre zu einem Interview mit diesen beiden Menschen. Die Rede ist von meinen Großeltern, Hannelore und Erich. Ihre Geschichten scheinen auf den ersten Blick nichts besonderes, doch ich bin der Meinung, dass auch das Schicksal von diesen beiden nicht vergessen werden sollte. Sie stehen für alle Deutschen, die vor den Fronten fliehen mussten, die ihre Häuser verlassen musste, weil sie Angst vor dem Krieg hatten, dessen Ende sich nahte. Sie stehen aber auch für alle Helden, die ihr Leben selbst in die Hand genommen haben, die im richtigen Augenblick mitgedacht und so ihr Leben retten konnten. Doch ich möchte nicht um den heißen Brei reden, ich möchte euch die beiden vorstellen:

Meine Oma, Hannelore

Hannelore wurde im Juli 1932 geboren, sie hat noch einen jüngeren Bruder, der 1935 geboren wurde. Damals wurden die Kinder zu Ostern eingeschult, sodass Hannelore mit 5, also zu Ostern 1938, eingeschult wurde. Da sie erst ein Jahr alt war, als Hitler an die Macht kam, konnte sie mir dazu nicht viel sagen, doch den Beginn des Krieges hat sie trotz ihrer jungen Jahre mitbekommen.
Hannelore lebte mit ihrem Bruder bei ihren Großeltern in Potsdam. Ihre Mutter hatte einen Gastwirt geheiratet, Zwillinge mit ihm bekommen und bei ihm gelebt und in dem Gasthof ausgeholfen. Als der Krieg 1939 anfing, wurden viele Männer eingezogen, doch so ganz betroffen war Hannelore davon nicht, da ihr Großvater zu alt für den Krieg war.
Potsdam hat immer unter Bombenangriffen gelitten, doch als Deutschland den totalen Krieg erklärt hatte, ging das Gerücht um, dass Berlin verstärkt von den Briten bombardiert werden soll. Darauf hin wurden Hannelore und ihr Bruder nach Reppen (hinter der Oder) zur Mutter geholt. Von dort konnten sie Berlin brennen sehen.

Das Leben in Reppen

Aus Potsdam kannten sie Fliegeralarm, was sehr anstrengend für alle Menschen war, da die Bomber meist nachts kamen. Die Angriffe auf Berlin nahmen immer weiter zu.
Bis 1945 hat Hannelore in Reppen gelebt. Der Januar 1945 war sehr kalt, und die Fronten rückten immer näher, sodass auch in Reppen viele Flüchtlinge aus Ostpreußen ankamen. Da war Hannelore gerade 12 Jahre alt. Sie und andere Kinder mussten die Flüchtlinge vom Bahnhof abholen und zu ihren Quartieren bringen. Zu der Zeit hat jeder Flüchtlinge aufgenommen. Die Unsicherheit der Menschen wuchs, da die Front immer näher rückte. Mitlerweile wurden auch die jungen Männer eingezogen. Die ersten russischen Kriegsgefangenen sind in Reppen erschienen. Sie haben um Zwiebeln gebettelt, wegen der Vitamine, und manchmal haben sie auch welche bekommen.

Flucht aus Reppen

Durch die nahenden Fronten entstand eine allgemeine Fluchtbewegung ins Landesinnere, vor allem mit der Bahn und dem Treck (offene Pferdewagen, die Menschen mitgenommen haben). Die Mutter von Hannelore und ihre vier Kinder warteten in einem Gasthaus auf das Eintreffen des Trecks. Dort wurden auch Soldatentruppen verpflegt, bevor sie an die Front gingen. Ganz oft kam nur ein Bruchteil der Truppen wieder. Der Treck kam gar nicht. Als sie von einer Bahn hörten, sind alle aus dem Gasthaus los zum Bahnhof gelaufen. Der Weg war sehr lang, und die Bahn war sehr düster und völlig überfüllt. Es war ein Kraftakt alle auf diesen Wagen zu bekommen, doch irgendwie fanden sich Hannelore, ihre jüngeren Geschwister und die Mutter auf dem Wagon wieder. Er fuhr nur spärlich, mit vielen Stopps. Hannelore hatte gehört, dass die Oderbrücke gesprengt war und hatte befürchtet, dass der Zug geradewegs ins Wasser fährt.
Doch zum Glück kamen sie in Berlin an. Dort sind sie mit der S-Bahn nach Potsdam gefahren. Die Menschen in der Bahn haben der Familie angesehen, dass sie Flüchtlinge waren, und haben ihnen ihre Sitzplätze angeboten. Als sie in Potsdam ankamen, haben die Großeltern vor Freude geweint, weil sie sie schon für tot gehalten haben.
Da Hannelore nichts zum Anziehen hatte, außer die Schuhe ihrer Mutter und einen Mantel, den sie für den Treck angezogen hatte, haben sich die Nachbarn untereinander ausgeholfen.

Der Bombenangriff auf Potsdam 14.04.1945

Am 14. April wurde Potsdam bombardiert. Es hieß „die Tannenbäume kommen von oben“ oder die „Leuchtkugeln“. Hannelore befand sich mit ihrer Familie im Luftschutzkeller. Normalerweise blieb ihr Großvater immer in der Wohnung, doch diesmal ging er mit in den Keller. Er stand in der offenen Tür und hat die Gegend beobachtet. Er hat gesagt, alle sollen sich hinlegen. Und als die Bomben fielen, schwankte der Boden. Keiner hat geschrien oder gejammert. Obwohl der Angriff nur 30 Minuten dauerte, war das die längste halbe Stunde in Hannelores Leben. Zum Glück für Potsdam fielen einige Bomben im Wald runter, da die Leuchtmarkierung durch den starken Wind abgetrieben wurden. So wurde nur die Hälfte von Potsdam zerstört.

Ende des Krieges, Mai 1945

Im Mai 1945 stand Hannelore zum Brot kaufen an, als russische Soldaten auf einem LKW durch die Straße fuhren. So hat sie vom Kriegsende erfahren und die Besatzungszeit begann. Hannelore hat erzählt, dass die Russen immer Suppe gekocht haben und den Kindern davon abgegeben haben. Außerdem haben sie auf einem Panjewagen Brot gebacken und verteilt. Allgemein hat sie die russischen Soldaten als sehr kinderlieb in Erinnerung.

Mein Opa, Erich

Erich wurde im Oktober 1927 geboren, er hat einen jüngeren Bruder (1932) und eine jüngere Schwester (1942). Er wurde Ostern 1934 eingeschult, hat die Machtergreifung von Hitler aber kaum mitbekommen, weil er zu jung war. 1938 kam Erich auf eine Oberschule. Eigentlich war so eine Oberschule mit Abitur sehr teuer, es sei denn man bekam eine Freistelle. Doch durch den Test für die Freistelle ist er durchgefallen, weil ihm in Sport Punkte gefehlt haben. Zu seinem Glück, wie er rückblickend sagen muss, denn die Führungselite wurde dort ausgebildet. Durch Kontakte kam Erich auf eine andere Oberschule.
1939 war er begeistert vom Krieg, er hat immer die Truppenbewegungen verfolgt. Er war beim Jungvolk (10-14), die ihre Zeit vor allem mit Geländespielen verbracht haben. Daran war für Erich also nichts politisches. Später, ab 14 Jahre, kam man dann in die Hitlerjugend.

Der Luftwaffenhelfer

Mit 15 wurde er als Luftwaffenhelfer eingezogen. Sie wurden bei der großen Falk eingesetzt, erst in Potsdam und dann an vielen anderen Standorten, aber immer bei großen Werken (Fabriken), vor allem an den Beobachtungsgeräten, um die Zielposition der Luftwaffen zu justieren. Die „Fernrohre“ wurden immer von drei Luftwaffenhelfern bedienst, um die Höhe und Weite einzustellen.
Die Jungs mussten, damit sie als Hjler erkennbar sind, Armbinden tragen. Doch sie wollten viel lieber als junge Soldaten gesehen werden, und haben deswegen oft die Armbinde abgemacht und das Luftwaffenabzeichen an die Brust gepinnt.
Bei einem Werk in Erkner haben die Luftwaffenhelfer eine Stunde lang justiert. In der Zeit wurde das Werk schon komplett bombardiert. Oft waren die Angriffe schon, bevor die Luftabwehr stand.
1943-44 waren die Jungs relativ sicher als Beobachter. Erich erinnert sich auch noch, dass es sehr wichtig war möglichst viele verschiedene Splitter von u.a. Bomben zu sammeln.
Im Oktober 1944 wurde Erich als Luftwaffenhelfer entlassen und zum Arbeitsdienst geschickt. Der Arbeitsdienst dauerte normalerweise ein Jahr, diesmal aber nur 6 Woche. Sie haben dort vor alle Erdarbeiten erledigt, aber auch viele „Spatenübungen“, z.B. sollten sie die Spaten wie ein Gewehr präsentieren.
Erich wollte eigentlich Jagdflieger werden, deswegen wurde er erst nach Januar 1945 eingezogen, da er im Januar die Prüfung zum Segelflieger abgelegt hat.

Die Wehrmacht

Am 05.02.1945 wurde Erich zur Wehrmacht eingezogen. Erst kam er nach Oschatz, dann nach Bernau, von wo er im März an die Ostfront marschierte. Dort musste er Schützengräben mit Buchten ausheben, in denen sie dann auf den Feind gewartet haben. Er weiß noch, dass es immer neblig an der Front war, und sie waren oft im Sperrfeuer der „Stalinorgeln“. Erich hat in seinem ganzen Leben nur einen Schuss abgegeben, und der war um den Rost aus dem Karabiner zu entfernen, damit er beim Appell keine Ärger bekommt.

Die Flucht

Erich konnte von der Front aus sehen, dass Potsdam gebrannt hat. Als Hitler sich umgebracht hat, war Erich noch an der Front. Ende April 1945 war er Melder und musste immer das Essen für die Soldaten holen, doch er ist geflohen. Er ist über die Dörfer immer weiter nach Westen geflohen. In den Dörfern hat er sich als versprengt gemeldet und ist dann wieder entkommen, bevor er einer neuen Truppe zugeteilt wurde. Er ist teilweise auch auf Trecks mitgefahren, und einmal ist er sogar vor einem Russen geflohen und gerade so über einen Friedhof entkommen. Er kam als Deserteur bis an die Elbe. Auf der anderen Seite der Elbe waren schon die Amerikaner. Viele Menschen wollten über die Elbe in Sicherheit, doch die Amerikaner haben nur Soldaten genommen. Das kam Erich komisch vor, und so ist er nicht über die Elbe und hat sich der Uniform und Waffe entledigt. Am Ende ist er auf einem LKW mitgefahren, bis zu seinem Onkel 2. Grades, bei dem er sich dann versteckt hatte.
Als die Rotsoldaten kamen, sollten sich alle Männer an der Kirche versammeln. Erich hatte Angst, dass sie nach Sibirien kommen und hat sich deswegen auf der Kirche versteckt. Doch die Männer wurden nur zum Arbeitsdienst geschickt.

Kriegsende

Am 9.Mai 1945, Erich war 17 Jahre alt, ist er 70km nach Potsdam gelaufen, und hat seine Familie dort heil wiedergefunden. Zum Glück lebten sie in dem Teil Potsdams, der beim Bombenangriff verschont geblieben ist. Erich hat die Schule mit Abitur beendet und wurde dann Junglehrer. Später hat er Hannelore kennen gelernt, aber das ist eine andere Geschichte.

P1090127

Ich bewundere diese beiden Menschen, denn sie haben eine unglaubliche Geschichte hinter sich. Und damit diese Geschichten nicht in Vergessenheit geraten, teile ich sie mit euch. #GegendasVergessen

Speichere in deinen Favoriten diesen Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.